Die Winterzeit ist mir schon immer ein Gräuel gewesen. Die Abende beginnen zu früh und enden nicht.
In diesem Jahr, es ist schon März, bin ich noch immer in der düsteren Stimmung des Winters gefangen.
Spontan entscheide ich mich, die Einladung meines besten Freundes anzunehmen, der an der Ostsee in Scharbeutz wohnt. Gleichzeitig schwingt der Gedanke mit: Eigentlich kann ich mir die Reise finanziell gar nicht leisten. Fast hätte ich wieder abgesagt. Auch wegen des mir bekannten Wetters im Norden, Nieselregen und Windböen.
Es ist sonnig, ein leichter Wind weht und es ist ungewöhnlich warm für März, als ich in Scharbeutz ankomme. Gina, Ragnas Ridgeback-Hündin, erkennt mich sofort und kommt auf mich zu gerannt. Und dann sehe ich Ragnars Lächeln. Der Winter ist vorüber.
Auch am nächsten Morgen ist es sonnig und windstill. Ragnar ist schon mit Gina unterwegs. Nach einer Tasse Kaffee laufe ich durch die Spülsaumwiese zur See.
Langsam wate ich, mit meinem Handy in der Hand, durch das Wasser, den Blick auf den Seeboden gerichtet, und fotografiere die Gebilde, die abgelöstes Seegras und Algen geformt haben.
Die See liegt vor mir wie ein Spiegel: schimmernd, glatt, beinahe regungslos. Ich wundere mich darüber, warum der Sand unter meinen Füßen bei jedem Schritt ein wenig mehr nachgibt.
In der Ferne heben sich, dunkel wie ein Scherenschnitt, zwei Figuren ab: Ragnar und Gina. Schneller wate ich in ihre Richtung, ohne den Boden weiter zu beachten.
Plötzlich ein brennender Schmerz am linken Knöchel. Als wäre ich in Säure getreten. Ich blicke hinunter. Unter der klaren Wasseroberfläche bewegt sich etwas Dunkles. Blitzschnell schießt, das wie ein schwarzer Arm mit Saugnäpfen aussieht, aus dem Boden, windet sich um mein rechtes Bein und zerrt mich immer tiefer in den Seeboden.
Panisch trete ich um mich, dann strauchele ich und klatsche mit dem Gesicht voran ins Wasser. Ruckartig werden meine Beine noch tiefer in den Seeboden gezogen.
„Hilfe!“, schreie ich, bevor mein Kopf ganz unter Wasser taucht. Seesand dringt in meine Augen, ich kann nichts mehr erkennen. Wie durch einen Tunnel werde ich tiefer und tiefer hinabgezogen.
Durch die Dunkelheit hindurch dringt Wellenrauschen zu mir. Die Flut.
Dann geschieht alles sehr schnell. Es dauert nur Sekunden, bis ich spüre, wie ich wie von einem Sog wieder nach oben gezogen werde. Mein Kopf schießt durch die Wasseroberfläche. Ich ringe nach Luft, huste und übergebe mich.
Mühsam öffne ich meine sandverkrusteten Augenlider. Durch einen kleinen Schlitz erkenne ich ein rundes Gesicht.
„Krake“, krächze ich erschöpft.
Ein verhaltenes Lachen. „Nein, nicht Krake. Ich bin Schwester Maike. Herzlich willkommen zurück.“
Kraftlos presse ich die Worte aus meinem Mund: „Wo bin ich? Hat die Krake mich losgelassen?“
„Sie hatten einen Autounfall kurz vor Timmendorfer Strand.“
Erschöpft schließe ich die Augen. Ich bin so müde. Das Wellenrauschen ist noch immer in meinen Ohren. Gleichmäßig. Ruhig. Mein Herz schlägt.
© by Lyra 03.2026
P.S.Die Story wird in einer Antologie erscheinen.