bittersüß manchmal provokant

Kategorie: Lyras – Words (Seite 1 von 9)

Soulmates

Hanna und Elias waren glücklich, als sie den Mietvertrag für die Wohnung in dem denkmalgeschützten Haus am Thunersee in der Schweiz unterschrieben.

Nur ein Jahr später steht Hanna in der leergeräumten Wohnung und wartet auf die Nachmieterin. Elias hatte bereits eine neue Bleibe gefunden. Bevor er auszog, warf er ihr Beziehungsunfähigkeit vor und zählte ihr lautstark all ihre weiteren vermeintlichen Defizite auf.

Endlich läutet es an der Tür.

Eine ältere Dame stellt sich als Gunna Müller vor und betritt, noch bevor Hanna reagieren kann, den offenen Wohn- und Essbereich.

Sie blickt sich um und schwärmt begeistert wie Hanna und Elias damals bei ihrer ersten Besichtigung:

„Wunderschön – die alten Holzbalken an der Decke, der erhaltene Originalboden, das Wohnzimmerfenster mit Blick auf den See.“

Schweigend gehen die beiden durch die übrigen Räume.

Im Schlafzimmer erwähnt Hanna: „Als wir hier einzogen, hieß es, dies sei früher ein Unterstand für Schafe gewesen. Die Wand mit dem Fenster wurde nachträglich eingezogen.“ Frau Müller nickt verstehend und blickt gedankenverloren aus dem Fenster zu dem Hang, auf dem einst die Schafe grasten. Sie dreht sich zu Hanna um, die mitten im Raum stehen geblieben ist. „Sie mochten diesen Raum nicht, das spüre ich.“

Wie in Trance antwortet Hanna: „Stimmt.“ Sofort bereut sie ihre Worte. Mit solchen Bemerkungen werde ich keine Nachmieter finden.

„Das glaube ich ihnen. Sie lebten schon einmal in einer anderen Zeit. Hier, an diesem Ort, konnten Sie Ihren Seelenpartner nicht wiederfinden.“ Sie schaut Hanna direkt in die Augen und fährt fort: „Sie sind auf der Suche nach Ihrer verlorenen Liebe.“

„Das Chalet ist genau das, was ich gesucht habe. Bitte geben Sie dem Immobilienmakler Bescheid, den Mietvertrag zur Unterschrift vorzubereiten.“

Hanna, noch immer tief überwältigt von ihren Emotionen über das Gesagte, hört ihre eigene Stimme, die fremd klingt. „Ja, das mache ich heute noch“, sagen.

Ohne weitere Worte zu wechseln, verabschieden sich beide voneinander. Hanna ist gerade dabei, die wackelige Schiefertreppe zu ihrem Auto hinunterzugehen, als ihr Handy klingelt.

„Hi Papa.“

„Hallo, meine Tochter, könntest du bitte einen Zwischenstopp in Regensburg einlegen, bevor du nach Hause fährst? Ich möchte dir unbedingt  das Haus zeigen, das ich gekauft habe. Es  wurde im  frühen 19. Jahrhundert erbaut.“

Zuhause, das war ein kleines Dorf in Rheinland-Pfalz, wo ihre Eltern wohnen und auch sie bis zu ihrer Studienzeit. Dort wird sie vorübergehend wieder einziehen, bis sie einen neuen Job und eine Wohnung gefunden hat.

„Na klar! Schick mir bitte die genaue Adresse. Ich bin schon gespannt.“

Während der Fahrt nach Regensburg am nächsten Tag wiederholt Hanna immer wieder laut den Satz: „In Ihrem Gesicht sehe ich eine Suchende nach ihrer verlorenen Liebe.“

So irrational es ihr anfangs erschien, hatte diese Frau etwas angesprochen, das Hanna schon seit Jahren beschäftigte. Immer wieder verspürt sie eine tiefe Sehnsucht nach einem Mann, ohne dass vor ihrem inneren Auge ein konkretes Gesicht erscheint, dem sie begegnen möchte.

Als sie in die Gasse einbiegt, die ihr Vater ihr als Adresse genannt hatte, sieht sie ihn bereits vor dem Haus stehen. Sie hatte sich kurz zuvor telefonisch angekündigt. „Komm, ich zeige dir alles.“ Arm in Arm gehen sie durch das hohe schmiedeeiserne Tor auf das Grundstück.

Ihr Vater öffnet die Haustür aus verwittertem, splitterndem Holz. Kaum noch zu erkennen, dass sie einst grün gestrichen war. Vorsichtig betritt Hanna den mit Rissen durchzogenen Terrazzoboden im Hausflur. Eine Holztreppe führt in die oberen Stockwerke. Die Stufen sind mittig ausgetreten. Zeugen jahrzehntelanger Begehung von Menschen, die nicht mehr sind.

Ihr Vater lotst Hanna zur Kellertreppe, die sich direkt unter der Hausflurtreppe befindet. Mit noch etwas steifen Beinen von der langen Autofahrt tastet sich Hanna, mit einer Hand an der Wand abstützend, die wackeligen Ziegelsteinstufen hinunter. In der Biegung der Treppe knipst ihr Vater eine Lampe an. Sicherer und schneller folgt sie ihm in den Kellerraum. Er bemerkt Hannas fragenden Blick, als sie vor einer Wand stehen bleibt und eine mit neueren Ziegelsteinen zugemauerte Stelle in Form einer Tür betrachtet, die sich deutlich von den alten Wandsteinen abhebt.

„Man erzählt sich, dass hier einst ein Geheimgang, ein Fluchtweg zur nahegelegenen Kirche, war“, erklärt er.

Noch während er spricht, geht er zu einer Mauernische, in der eine altePapierrolle liegt, die er entrollt und Hanna reicht. „Hadernpapier – aus Leinen und Baumwollstoffen hergestellt, kenne ich“, sagt Hanna.

Leise liest sie:

Regensburg, 29. Mai 1835

Meine liebe Margarete,

dieses Haus habe ich nur für dich gebaut, mit dem Wunsch, dass wir in diesen Gemäuern glücklich leben bis zum Ende unserer Tage, hier an diesem Ort. Ich schwöre dir, nichts kann uns trennen. In Liebe, dein Otto 

Hanna schluchzt laut auf: „Das ist von meinem Otto.“ Sie setzt sich auf die Treppe, bedeckt mit beiden Händen ihr Gesicht und weint laut.

„Meine Kleine, was sagst du da? Du hast ein Burn-out von dem ganzen Stress mit Elias. Dann auch noch meine Bitte, hier einen Zwischenstopp einzulegen. Es tut mir so leid.“ Er setzt sich neben sie auf die Stufe und nimmt sie schützend seine Arme.

„Bitte hör auf zu weinen. Wir fahren jetzt zu einem Hotel, wo du dich ausruhen und schlafen kannst. Ich fahre heute schon nach Hause und du kommst nach, wann immer du dich danach fühlst.“

Hanna hatte sich wieder etwas gefasst: „Ich werde heute schon fahren; im Hotel ‚Blaue Adria‘ am Baggersee habe ich bereits für drei Tage ein Zimmer gebucht. In letzter Zeit denke ich so oft an die unbeschwerten, fröhlichen Tage und Abende, die ich dort am See mit Freunden verbracht habe. Anschließend komme ich zu euch. Grüß Mama von mir.“

„In Ordnung, aber wir fahren gleich los“, antwortet ihr Vater, noch immer deutlich bestürzt.

Fast fluchtartig verlassen sie das Haus. Ein kurzes Abschiedswinken, dann steigen beide in ihre Autos.

Erleichtert darüber, dass die Fahrt am nächsten Tag auf der Autobahn nun ohne Stress hinter ihr liegt, fährt Hanna die letzte Etappe auf der Hochwasserstraße in Richtung See. Von Weitem kann sie das Hotel schon sehen. Sie ahnt, dass sie sich dort wohlfühlen wird.

Nach dem Einchecken im Hotel geht sie direkt auf ihr Zimmer. Völlig übermüdet wirft sie sich komplett bekleidet auf das Bett und schläft sofort ein.

Es ist bereits 9 Uhr morgens, als sie von den Geräuschen auf dem Gang wach wird. Frühstückszeit. Sie ist hungrig; seit dem Vortag hatte sie nichts mehr gegessen.

Im Speisesaal ist nur noch ein Platz an einem Zweiertisch frei. Eine männliche Person, ungefähr in ihrem Alter, hat einen der beiden Plätze bereits eingenommen. Normalerweise sitzt sie nicht gerne mit Fremden an einem Tisch – schon gar nicht am Morgen. Widerwillig fragt sie: „Darf ich mich zu Ihnen setzen, und würden Sie den Platz für mich so lange freihalten, bis ich vom Buffet zurückkomme?“

Eine Hand, die eine Scheibe Brot mit Marmelade hält, zeigt auf den freien Platz. „Ich deute das als Ja“, erwidert Hanna auf die wortlose Geste.

Mit voll beladenem Tablett bahnt sich Hanna, ihren Weg durch die Tischreihen zurück zu ihrem Sitzplatz. Das Lächeln ihres Tischnachbarn fühlt sich wie ein Willkommensgruß an. Fast fröhlich setzt sie sich.

Gerade als sie den Löffel in ihren Joghurt taucht, wird ihr Gegenüber von einer Niesattacke geschüttelt. Bloß keine Erkältung einfangen, denkt sie. Das würde das ganze Drama komplett machen. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, sagt er noch schniefend und nach Luft ringend: „Sorry, Allergiker. Keine Angst, nicht ansteckend.“

Jetzt sieht sie ihn zum ersten Mal richtig an. Strubbelige Haare, rote, tränende Augen, total derangiert. Und doch, denkt Hanna, hat er eine sympathische Ausstrahlung. „ Das Antiallergikum wirkt bald“, sagt er und streicht sich die Haare glatt. Augenblicklich fühlt sie sich nicht mehr unwohl mit ihm an einem Tisch. Im Gegenteil – es ist eher, als säße sie einem alten Freund gegenüber.

„Brauchst du ein Taschentuch?“, fragt Hanna. „Oh, sorry, brauchen Sie.“

Er unterbricht sie: „Passt schon mit dem Du, dir auch?“ Er winkt mit einem Taschentuch. „Trotzdem danke. Bin gleich wieder da.“ Hanna ist schon fast fertig mit dem Essen, als er sich wieder an den Tisch setzt.

„Was machen wir denn heute?“

„Ich weiß nicht, was du vorhast“, antwortet Hanna. „Ich wollte mir die Gegend anschauen und sehen, was sich alles so verändert hat, seit ich das letzte Mal hier war.“

Fragend schaut er sie an: „Wenn du Lust hast, können wir das zusammen machen. Ich bin mit dem Motorrad hier, einen zweiten Helm habe ich auch.“ Obwohl Hanna sich sicher war, dass ihre Begegnung nicht am Frühstückstisch enden sollte, antwortet sie: „Ich überleg’s mir.“

Beide verlassen den Speisesaal gleichzeitig. „Nicht vergessen, um 11 Uhr vor dem Hotel“, ruft er ihr grinsend und augenzwinkernd nach. „See you.“

Kribbelig vor Vorfreude schaut Hanna immer wieder auf die Uhr, während sie Jeans und T-Shirt anzieht und eine Jacke in ihren Rucksack steckt. Schon vor 11 Uhr verlässt sie ihr Zimmer. Durch die Glastür des Hotels sieht sie, dass er auch schon neben seinem Motorrad steht. Den Helm am Riemen haltend, schwenkt er ihn hin und her und lächelt ihr dabei zu. Er gefällt mir immer besser, denkt sie, während er ihr den Helm aufsetzt und den Kinnriemen schließt.

„Eigentlich spielt es keine Rolle mehr“, fängt Hanna an zu sprechen, „nachdem ich mich bereits entschieden habe, mit einem Fremden durch die Gegend zufahren, möchte ich das trotz alledem nicht in voller Anonymität machen. Ich bin Hanna.“

„Max“, antwortet er. „Zu deinen Diensten.

Wo fahren wir zuerst hin, Hanna?“ „Im Dorf gibt es ein Eiscafé, das ich von früher kenne. Mit Freunden habe ich dort stundenlang gesessen, gequatscht und an einem einzigen Getränk ‚Sonnenschein‘ – Fanta mit etwas Eierlikör – genuckelt. Da möchte ich zuerst hin“, antwortet Hanna.

„Na dann, spring auf und halte dich gut fest.“

Auf der geraden Straße in Richtung Dorf lässt Max das Motorrad ein paar Mal aufbrummen, dann gibt er Gas. Hanna genießt die Geschwindigkeit, den Fahrtwind im Gesicht und die Taille von Max, an der sie sich mit beiden Händen festhält. Kurz bevor sie das Dorf erreichen, muss Max wegen eines Fahrzeugs, das aus einem Feldweg auf die Straße saust, so stark abbremsen, dass die Maschine in ein Maisfeld rast. Wie unter Beschuss klatschen Maisblätter gegen ihre Gesichter und auf die Helme, bis Max das Motorrad wieder ganz unter Kontrolle bringt und es zum Stehen kommt. Die  „Wir haben es geschafft“, sagt Max mit vom Schock gepresster Stimme und steigt von der Maschine ab.

Hanna sitzt erstarrt auf dem Sozius. Wie die knisternde Wiedergabe einer Schellackplatte von einem alten Grammophon glaubt sie in Endlosschleife zu hören: Die Suche ist zu Ende. Die Suche ist zu Ende.

Erstaunt schaut sie Max an und lächelt, als er sie vom Sitz hebt.

© by Lyra Juni 2026

Still got the Blues for you

Sanft wäscht der Regen  

Staub von den Mauern der Stadt

hinter denen die Sehnsucht wohnt

Versprechen vergangener Nächte versinken

im Glas vor der Bar.


© by Lyra 25.6.2026 – In Erinnerung an Gary Moore (†) – Hard-Rock- und Heavy-Metal-Gitarrist, Sänger, Komponist;

Ortschaf(f)t

Ich schicke meine Erinnerungen in ein Vakuum, damit es ein Ort wird

für die Leichtigkeit, schwebend über dem See

für Dackel Waldi, der auf der Straße unter einem Bus lag

für das Haus, hinter dem ein Bach floss

für die roten, so roten Mohnfelder

für den süßen Duft der Lindenbäume

für die leuchtenden Stämme der Birken – deren Rinde bitter schmeckte

für das Fahrrad, das in den Brennnesseln neben dem Weg lag

für Erzählungen, die die Nachbarn glaubten, deren Enttäuschung darüber, dass es nur Geschichten waren

für Tante Lina, die nicht sprach

für Susi mit Dauerschnupfen

für den dicken Böhlig mit seinem Zylinder auf einem Stuhl vor der Wasserpumpe

für das Glück, Schwalben im Kuhstall zu haben

für das Kleid mit dem großen Blumenmuster, in das der Esel ein Loch fraß

für das erste Buch zum Geburtstag, an dem die Mutter nicht da war

für leise Träume, dass alles bleibt, wie es ist, laut verworfen.

© all rights reserved by Lyra, Juni 2023

Was geblieben ist

Meine Gedanken tobten wie ein wildes Gewässer.

Fast trete ich auf eine weiße Orchideenblüte, die vor mir auf dem Weg lag, so als wäre sie dort erblüht.

Ich bette sie behutsam in die Wiese, um ihr ein würdiges Begräbnis zu geben.

Du fragst: „Hebst du alles Schöne auf“?

Heute kann ich mich an keinen meiner Gedanken erinnern, nur an eine schöne Blüte, die der Wind davontrug.

© by Lyra 10.7.2024

Track erstellt von Helmuth Treichel (Produzent, Labelbetreiber, Sänger und Songwriter aus Augsburg – ehemaliger Sänger von GIFT, Gründer: Atomic Picnic Project)

Amandou

Seit sie ihn zum ersten Mal im Park angelächelt hat und er kaum merklich und scheu zurücklächelte,
steht er morgens täglich vor dem Spiegel seiner 1-Zimmer-Wohnung.

Er schreit sein Spiegelbild an:

„Du bist hässlich, hässlich, du mit deinem dunkelbraunen Gesicht. Hässlich, du siehst aus wie eine Schildkröte, und so langsam bewegst du dich auch. Amadou, du Hässlicher. Warum hat man mir diesen Namen gegeben, mit der schönen Bedeutung – den man liebt?
Niemand liebt mich.“

Bisher wurde er vorher noch nie  beachtet, wenn er  bei seiner Tagestour langsam mit seinem Fahrrad quer durch die Stadt in Richtung Park gefahren ist, dabei  jeden Papierkorb, jede Hecke und jede Bodenfläche, mit seinen „Schildkrötenaugen“ – so nennt er seinen Blick –  nach leeren Pfandflaschen absucht.

Seine Tage fühlten sich heller an seit diesem Lächeln. Er hatte all seine Energie zusammengesammelt wie die Flaschen auf seinem Gepäckträger und sie angesprochen:

„Bonjour Madame – wie heißen Sie?“ 

Dabei spricht er ihre Sprache, doch für sie passt die Anrede Bonjour Madame.

„Hallo, ich bin Amanda. Und sie?“

„Amandou“, antwortet er lächelnd. Sein Gesicht fühlte sich auf einmal weich an. Ich habe kein Schildkrötengesicht mehr, denkt er.

„Wir sehen uns schon lange, Madam. Trinken wir einen Kaffee zusammen?“, fragt er Amanda mutig.

„Nein, danke, aber ich freue mich immer, wenn wir uns begegnen.“

Er spürt, wie seine Mimik sich verändert und wieder den Schildkrötenausdruck annimmt.

Langsam fährt er weiter – wie immer.

„Amanda, das passt doch zu Amandou.

Sie gehört mir, sie wird mich lieben, ich bin der, den man liebt.“

Schreit er am  nächsten Tag  vor seiner Flaschentour seinem Spiegelbild entgegen.

Er geht zur Küche, holt  eine große  Flasche Limonade aus dem Kühlschrank, gießt etwas von dem Inhalt  in den Ausguss und leert den Inhalt eines Fläschchens, das er von seinem letzten Besuch aus seiner Heimat mitgebracht hatte, in die Limonade.

Wenn wir uns wieder begegnen, werden wir im Park zusammen Limonade trinken, denkt er dabei.

Becher mit Rosendekor hat er schon in eine Plastiktüte gepackt.

Sie gehört mir, Amanda  wird mich lieben.

Der Radezki-Park ist ein beliebter Ort bei Joggern. Auch Wolfram dreht dort täglich seine Runden. Heute bleibt er atemlos stehen, trippelt von einem Fuß auf den anderen, damit sein Blutdruck sich langsam anpasst. Er beugt sich kopfüber, lässt seine Arme baumeln, bis seine Fingerspitzen fast die Zehen berühren. Als er sich wieder aufrichtet, sieht er auf der Bank direkt neben dem Weg, eine Frau, zusammengesunken, mehr hängend als sitzend.

Er läuft auf die Parkbank zu:

„Geht es Ihnen nicht gut? Hören Sie mich?“

Als er Ihre Schulter berührt, fällt der Körper in sich zusammen. Aus ihrem Mund läuft weißer Schaum.

Wolfram checkt ihre Halsschlagader nach Lebenszeichen.

Hastig holt er sein Handy aus der Gesäßtasche seiner Hose, wählt die Nummer des Rettungsdiensts: 

 „Leblose Frau im Radetzki-Park in Höhe der Schule – ich bin Oberkommissar Wolfram und warte auf Sie.“

Danach  ruft er mit veränderten Angaben seine Einheit der Kripo an:

„Frauenleiche im Radetzki-Park in Höhe der Schule – ich bleibe vor Ort.“

Während er wartet, schaut er sich mit geschulten Augen die Umgebung an.

Vor der Bank  liegt eine offene Limonadenflasche, deren Inhalt sich auf den Weg ergossen hatte. Eine tote Krähe mit offenem Schnabel liegt in der Lache Flüssigkeit.

Von ihm unbemerkt hatte sich ein Fahrradfahrer genähert, der sich zu der Plastikflasche hinunterbeugte, um diese aufzuheben.

„Stopp – lassen Sie alles so, wie es ist! Das ist möglicherweise der Ort eines Verbrechens.“

Das kratzende Geräusch der Fahrradkette entfernt sich langsam.

Nach einer Viertelstunde trifft der Notarzt  gleichzeitig mit den Kollegen seiner Einheit des Kriminaldauerdienst der(KDD) und derRechtsmediziner ein.

Oberkommissar Wolfram öffnet den Rucksack der Toten, um ihre Identität herauszufinden.

Kein Handy, kein Adressbuch,  jedoch einen Taschenkalender.

Mai: Interessiert liest er den Eintrag:

Seit Monaten begegnet mir ein sehr attraktiver Flaschensammler immer wieder.

Er sieht sehr gepflegt aus, unüblich für jemanden, der Flaschen sammelt. Wir haben ein paar Mal kurz miteinander gesprochen. Ganz langsam fährt er durch den Park, manchmal neben mir.

Amandou, der Mann mit den wunderschönen Händen, die locker den Fahrradlenker umfassen.

Amanda und Amadou – das klingt so stimmig. Sollte er mich noch einmal fragen, etwas mit ihm zu trinken, werde ich Ja sagen. Nein, ich werde ihn fragen.

Wolfram steckt den Taschenkalender in einen Spurensicherungsbeutel.

„Ich hab was, Jungs, es gibt Arbeit“, ruft er seinen Kollegen zu.

>Do you Love me < by Nick Cave and the bad seeds.

  © by Lyra 12.12.2025 

Illusion

© by Lyra Nov. 2025

Inspiration: „Nebel“ – Hermann Hesse

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