Hanna und Elias waren glücklich, als sie den Mietvertrag für die Wohnung in dem denkmalgeschützten Haus am Thunersee in der Schweiz unterschrieben.
Nur ein Jahr später steht Hanna in der leergeräumten Wohnung und wartet auf die Nachmieterin. Elias hatte bereits eine neue Bleibe gefunden. Bevor er auszog, warf er ihr Beziehungsunfähigkeit vor und zählte ihr lautstark all ihre weiteren vermeintlichen Defizite auf.
Endlich läutet es an der Tür.
Eine ältere Dame stellt sich als Gunna Müller vor und betritt, noch bevor Hanna reagieren kann, den offenen Wohn- und Essbereich.
Sie blickt sich um und wirkt genauso begeistert wie Hanna und Elias damals bei ihrer ersten Besichtigung. „Wunderschön – die alten Holzbalken an der Decke, der erhaltene Originalboden, das Wohnzimmerfenster mit Blick auf den See“, schwärmt sie.
Schweigend gehen die beiden durch die übrigen Räume. Im Schlafzimmer erwähnt Hanna: „Als wir hier einzogen, hieß es, dies sei früher ein Unterstand für Schafe gewesen. Die Wand mit dem Fenster wurde nachträglich eingezogen.“ Frau Müller nickt verstehend und blickt gedankenverloren aus dem Fenster zu dem Hang, auf dem einst die Schafe grasten. Sie dreht sich zu Hanna um, die mitten im Raum stehen geblieben ist. „Sie mochten diesen Raum nicht, das spüre ich.“
Wie in Trance antwortet Hanna: „Stimmt.“ Sofort bereut sie ihre Worte. Mit solchen Bemerkungen werde ich keine Nachmieter finden. „Glaube ich Ihnen, Sie lebten schon einmal in einem anderen Jahrhundert. Hier, an diesem Ort, konnten Sie Ihren Seelenpartner nicht wiederfinden.“ Sie schaut Hanna direkt in die Augen und fährt fort: „Sie sind auf der Suche nach Ihrer verlorenen Liebe.“
„Das Chalet ist genau das, was ich gesucht habe. Bitte geben Sie dem Immobilienmakler Bescheid, den Mietvertrag zur Unterschrift vorzubereiten.“
„Ja, das mache ich heute noch“, antwortet Hanna. Ohne weitere Worte verabschieden sich beide voneinander. Hanna ist gerade dabei, die wackelige Schiefertreppe zu ihrem Auto hinunterzugehen, als ihr Handy klingelt.
„Hi Papa.“
„Hallo, meine Tochter, könntest du bitte einen Zwischenstopp in Regensburg einlegen, bevor du nach Hause fährst?“
Zuhause, das war ein kleines Dorf in Rheinland-Pfalz, wo ihre Eltern wohnen und wo auch sie bis zu ihrer Studienzeit gelebt hatte. Dort wird sie vorübergehend wieder einziehen, bis sie einen neuen Job und eine Wohnung gefunden hat.
„Ich habe ein Haus aus dem frühen 19. Jahrhundert gekauft und möchte es dir unbedingt zeigen.“
„Na klar! Schick mir bitte die genaue Adresse. Ich freue mich auf dich und Mama.“
Während der Fahrt nach Regensburg am nächsten Tag wiederholt Hanna immer wieder laut den Satz: „In Ihrem Gesicht sehe ich eine Suchende nach ihrer verlorenen Liebe.“ So irrational es ihr anfangs erschien, hatte diese Frau etwas angesprochen, das Hanna schon seit Jahren beschäftigte. Immer wieder verspürt sie eine tiefe Sehnsucht nach einem Mann, ohne dass vor ihrem inneren Auge ein konkretes Gesicht erscheint, dem sie begegnen möchte.
Als sie in die Gasse einbiegt, die ihr Vater ihr als Adresse genannt hatte, sieht sie ihn bereits vor dem Haus stehen und ihr zuwinken. Sie hatte sich kurz zuvor telefonisch angekündigt. „Komm, ich zeige dir alles.“ Arm in Arm gehen sie durch das hohe schmiedeeiserne Tor auf das Grundstück.
Ihr Vater öffnet die Haustür aus verwittertem, splitterndem Holz. Kaum noch zu erkennen, dass sie einst grün gestrichen war. Vorsichtig betritt Hanna den mit Rissen durchzogenen Terrazzoboden im Hausflur. Eine hölzerne Treppe führt in die oberen Stockwerke. Die Stufen sind mittig ausgetreten. Zeugen jahrzehntelanger Begehung von Menschen, die nicht mehr sind. Ihr Vater lotst Hanna zur Kellertreppe, die sich direkt unter der Hausflurtreppe befindet. Mit noch etwas steifen Beinen von der langen Autofahrt tastet sich Hanna, mit einer Hand an der Wand abstützend, die wackeligen Ziegelsteinstufen immer weiter nach unten. In der Biegung der Treppe knipst ihr Vater eine Lampe an. Jetzt sieht sie einen geraden Treppenverlauf. Sicherer und schneller folgt sie ihm in den Kellerraum. Er bemerkt Hannas fragenden Blick, als sie vor einer Wand stehen bleibt, deren Öffnung in Form einer Tür mit neueren Ziegelsteinen zugemauert worden war, die sich deutlich von den alten Wandsteinen abheben. „Man erzählt sich, dass hier einst ein Geheimgang, ein Fluchtweg zur nahegelegenen Kirche, war“, erklärt er.
Während er spricht, geht er zu einer Mauernische, in der eine alte Papierrolle liegt, die er entrollt und Hanna reicht. „Ist das nicht wundervoll?“- antwortet ihr Vater.
Leise liest sie:
Regensburg, 29. Mai 1835
Meine liebe Margarete,
dieses Haus habe ich nur für dich gebaut, mit dem Wunsch, dass wir in diesen Gemäuern glücklich leben bis zum Ende unserer Tage, hier an diesem Ort. Ich schwöre dir, nichts kann uns trennen. In Liebe, dein Otto
Hanna schluchzt laut auf: „Das ist von meinem Otto.“ Sie setzt sich auf die Treppe, bedeckt mit beiden Händen ihr Gesicht und weint laut.
„Meine Kleine, was sagst du da? Du hast ein Burn-out von dem ganzen Stress mit Elias. Dann auch noch meine Bitte, hier einen Zwischenstopp einzulegen. Es tut mir so leid.“ Er setzt sich neben sie auf die Stufe und nimmt sie in die Arme.
„Bitte hör auf zu weinen. Wir fahren jetzt zu einem Hotel, wo du dich ausruhen und schlafen kannst. Ich fahre heute schon nach Hause und du kommst nach, wann immer du dich danach fühlst.“
Hanna hatte sich wieder etwas gefasst: „Ich werde heute schon fahren; im Hotel ‚Blaue Adria‘ am Baggersee habe ich bereits für drei Tage ein Zimmer gebucht. In letzter Zeit denke ich so oft an die unbeschwerten, fröhlichen Tage und Abende, die ich dort am See mit Freunden verbracht habe. Anschließend komme ich zu euch. Grüß Mama von mir.“
„In Ordnung, aber wir fahren gleich los“, antwortet ihr Vater, noch immer deutlich bestürzt.
Fast fluchtartig verlassen sie das Haus. Ein kurzes Abschiedswinken, dann steigen beide in ihre Autos.
Erleichtert darüber, dass die Fahrt auf der Autobahn nun ohne Stress hinter ihr liegt, fährt Hanna die letzte Etappe auf der Hochwasserstraße in Richtung See. Von Weitem kann sie das Hotel schon sehen. Sie ahnt, dass sie sich dort wohlfühlen wird.
Nach dem Einchecken im Hotel geht sie direkt auf ihr Zimmer. Völlig übermüdet legt sie sich angezogen auf das Bett und schläft sofort ein.
Es ist bereits 9 Uhr morgens, als sie von den Geräuschen auf dem Gang wach wird. Frühstückszeit. Sie ist hungrig; seit dem Vortag hatte sie nichts mehr gegessen.
Im Speisesaal ist nur noch ein Platz an einem Zweiertisch frei. Eine männliche Person, ungefähr in ihrem Alter, hat einen der beiden Plätze bereits eingenommen. Normalerweise sitzt sie nicht gerne mit Fremden an einem Tisch – schon gar nicht am Morgen. Widerwillig fragt sie: „Darf ich mich zu Ihnen setzen, und würden Sie den Platz für mich so lange freihalten, bis ich vom Buffet zurückkomme?“
Eine Hand, die eine halbe Semmel mit Marmelade hält, zeigt auf den freien Platz. „Ich deute das als Ja“, erwidert Hanna auf die wortlose Geste.
Mit voll beladenem Tablett bahnt sie sich ihren Weg durch die Tischreihen, den Blick auf ihren Sitzplatz gerichtet. Das Lächeln ihres Tischnachbarn in ihre Richtung fühlt sich wie ein Willkommensgruß an. Fast fröhlich setzt sie sich.
Gerade als sie den Löffel in ihren Joghurt taucht, wird ihr Gegenüber von einer Niesattacke geschüttelt. Bloß keine Erkältung einfangen, denkt sie. Das würde das ganze Drama komplett machen. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, sagt er noch schniefend und nach Luft ringend: „Sorry, Allergiker. Keine Angst, nicht ansteckend.“Jetzt sieht sie ihn zum ersten Mal richtig an. Strubbelige Haare, rote, tränende Augen, total derangiert. Und doch, denkt Hanna, hat er eine sympathische Ausstrahlung. „ Das Antiallergikum wirkt bald“, sagt er und streicht sich die Haare glatt. Augenblicklich fühlt sie sich nicht mehr unwohl mit ihm an einem Tisch. Im Gegenteil – es ist eher, als säße sie einem alten Freund gegenüber. Ein Gefühl von zuhause.
„Brauchst du ein Taschentuch?“, fragt Hanna. „Oh, sorry, brauchen Sie.“Er unterbricht sie: „Passt schon mit dem Du, dir auch?“ Er winkt mit einem Taschentuch. „Trotzdem danke. Bin gleich wieder da.“Hanna ist schon fast fertig mit dem Essen, als er sich wieder an den Tisch setzt. „Was machen wir denn heute?“
„Ich weiß nicht, was du vorhast“, antwortet Hanna. „Ich wollte mir die Gegend anschauen und sehen, was sich alles so verändert hat, seit ich das letzte Mal hier war.“ Fragend schaut er sie an: „Wenn du Lust hast, können wir das zusammen machen. Ich bin mit dem Motorrad hier, einen zweiten Helm habe ich auch.“ Obwohl Hanna sich sicher war, dass ihre Begegnung nicht am Frühstückstisch enden sollte, antwortet sie: „Ich überleg’s mir.“
Beide stehen gleichzeitig auf. „Nicht vergessen, um 11 Uhr vor dem Hotel“, ruft er ihr grinsend und augenzwinkernd nach. „See you.“
Kribbelig vor Vorfreude schaut Hanna immer wieder auf die Uhr, während sie Jeans und T-Shirt anzieht und eine Jacke in ihren Rucksack steckt. Schon vor 11 Uhr verlässt sie ihr Zimmer. Durch die Glastür des Hotels sieht sie, dass er auch schon neben seinem Motorrad steht. Den Helm am Riemen haltend, schwenkt er ihn hin und her und lächelt ihr dabei zu. Er gefällt mir immer besser, denkt sie, während er ihr den Helm aufsetzt und den Kinnriemen schließt.
„Eigentlich spielt es keine Rolle mehr“, fängt Hanna an zu sprechen, „nachdem ich mich bereits entschieden habe, mit einem Fremden durch die Gegend zufahren, möchte ich das trotz alledem nicht in voller Anonymität machen. Ich bin Hanna.“
„Max“, antwortet er. „Zu deinen Diensten. Wo fahren wir zuerst hin, Hanna?“ „Im Dorf gibt es ein Eiscafé, das ich von früher kenne. Mit Freunden habe ich dort stundenlang gesessen und an einem ‚Sonnenschein‘ – Fanta mit etwas Eierlikör – genuckelt. Es soll nach wie vor ‚Capri‘ heißen. Da möchte ich zuerst hin“, antwortet Hanna.
„Na dann, spring auf und halte dich gut fest.“
Auf der geraden Straße in Richtung Dorf lässt Max das Motorrad ein paar Mal aufbrummen, dann gibt er Gas. Hanna genießt die Geschwindigkeit, den Fahrtwind im Gesicht und die Taille von Max, an der sie sich mit beiden Händen festhält. Kurz bevor sie das Dorf erreichen, muss Max wegen eines Fahrzeugs, das aus einem Feldweg auf die Straße saust, so stark abbremsen, dass die Maschine in ein Maisfeld rast. Wie unter Beschuss klatschen Maisblätter gegen ihre Gesichter und auf die Helme, bis Max das Motorrad wieder ganz unter Kontrolle bringt und es zum Stehen kommt. „Wir haben es geschafft“, sagt Max mit vom Schock gepresster Stimme und steigt von der Maschine ab.
Hanna sitzt erstarrt auf dem Sozius. Wie die knisternde Wiedergabe einer Schellackplatte von einem alten Grammophon glaubt sie in Endlosschleife zu hören: Die Suche ist zu Ende. Die Suche ist zu Ende.
Erstaunt schaut sie Max an und lächelt, als er sie vom Sitz hebt.
© by Lyra April 2026