bittersüß manchmal provokant

Autor: Lyra (Seite 6 von 10)

Herbst

Noch nicht vergessen, die frische, grüne Pracht.

Noch strahlt der Himmel in ruhigem, klarem Blau – wolkenlos.

Die Winde, mild, zart streichend über Äste, Geigenvirtuosen gleich,

entlocken dem Laub hauchzarte Töne im schwebenden Tanz dem Boden entgegen zum Crescendo.

© by Lyra Herbst 2023

Produktanalyse kurz und ruppig

Ich verstehe ja, dass die Schweizer auf ihre Erfindungen stolz sind.

Zum Beispiel die dreieckige Schokolade am Stück, jedoch mit Kerben zum Einzelverzehr, die das Matterhorn symbolisiert.

Als Schokoladen-Junky kann ich nach einem Schnitt am Zeigefinger und dessen Erstversorgung
wegen des abrutschenden Messers beim Portionieren letztendlich eine dreieckige Portion probieren, hart, aber süß, ich beiße darauf herum, verrenke mir den Kiefer, was meinem Gesichtsnerv nicht schmeckt, und gereizt reagiert.

Nach Tagen mit Wärmflasche auf meiner Wange traue ich mich an das nächste Produkt, den Schweizer Kuss, Geschmacksrichtung Alpenkräuter – wer hat’s erfunden – diesmal verläuft der Test ohne Verletzung, aber ohne Genuss-Explosion – „Auf der Alm, da gibt’s kan Sünd’.“ – verstehe eine Zeile aus dem Gedicht „Alpenunschuld“ von Johann Nepomuk Vogl, jetzt wirklich gut.
Eine passende Bewertung fiel mir nicht ein, während ich eine Mundspülung mit Wasser durchführe, um den Kräutergeschmack loszuwerden.

Fazit: Einige Produkte werden im „Ausland“ nicht gut angenommen.

© by Lyra Juli 2023

Gedenktage

Alles schön geplant, das Datum festgelegt, Einladungen verschickt. Eingeladene vergessen die Veranstaltung nicht,
sitzen, mit ernsten Mienen von dumpfer Marschmusik in Szene gerückt, neben Opfern, Hinterbliebenen deren Schmerz niemand kennt, beraubt von einem Leben ohne Angehörige.

„Wir dürfen nie mehr zulassen, dass Gleiches noch einmal geschieht und nicht vergessen“- tönt der Redner mit Trauermiene nach dem Marschmusikentree- „Du hast den Farbfilm vergessen“.

Opfer und Hinterbliebene am Rednerpult verkaufen einen Ablassbrief für das Geschehene, um Politik, Redner und geladene Zuhörer ein abgerundetes Event abzuliefern und der Presse, Stoff und Bilder, für die wenigen mitfühlenden Leser.
„Was war, war. – Wir können die Welt nicht retten“.

Das darf nie mehr geschehen und nicht vergessen werden, die Scheinheiligkeit nimmt ihren Lauf während Kriege, Folter, Diskriminierung, Rassismus in jeglicher Form, Demütigung und Ausgrenzung in unseren Straßen und hinter unseren Grenzen geschieht und Vorkommnisse sich mehren!

Ein bunter Vogel

Schwebend mit augebreiteten, lichtvoll bestrahlten, irisierenden Flügeln von einer betörenden, süßen, hypnotisierenden Melodie angezogen, erkennt den Käfig nicht- als das Lied verstummt- das Federkleid stumpf die Flügel erstarrt- Freiheit- eine sich auflösende Erinnerung.

Regen


Wenn Wolken mit der Sonne spielen, wie Kinder fangen – sie einholen und transparent bedecken – das Spiel wilder wird sie sich aufblähen, verdunkeln – schwerer werden in gedrosselter Bewegung über die Sonne schieben – lächelt die Sonne noch leicht und warm, wissend um den Sieg der Wolken, die ihre Hüllen öffnen werden und Regen als Perlen über Fenster rinnen und auf Blätter winzige Seen entstehen lassen – ich sehe einen Schmetterling mit leicht zarten Flügelbewegungen atmen und Perlen trinken. Voller Wunder, diese Welt.

Regenperlen © by Lyra August 2023

James- we are friends for a very long Time!

Mondsüchtig

Um 4 Uhr 4 hellwach, trinke ich den ersten Schluck Kaffee auf dem Balkon, meine Augen magnetisiert, angezogen vom Planeten der Meere, bewegt – Gedanken an vergangene Tage vom magischen Strahl des Mondes, der auf mich gerichtet ist wie ein Spotlight, ausgelöscht –, ganz fest stehe ich auf dem Boden in der Gegenwart, dem Universum nah und verbunden. Sekundenlang fühle ich mich ganz.

Süchtig nach diesem Gefühl wache ich in Vollmondnächten aus dem Schlaf auf, ganz gleich in welchem Land oder Ort ich gerade bin, genau wie einst, als ich noch an den Mann im Mond mit seinem Reisigbündel auf dem Rücken glaubte.

Dancing in the Moonlight, auf den nächsten Vollmond wartend.

© by Lyra

Flucht – die es immer gab und Allgegenwärtig

Teil 1: – Was vorher war

Der Sommer war für die 8-jährige Rosa unbeschwert. Bedrohungen schwiegen noch. Fühlen und empfangen, wortlos, glücklich, frei, kindlich. So erzählte sie es mir.

Schon morgens läuft sie barfuß in Shorts aus dem Haus, an den Rosen vorbei, die an der Hauswand den Giebel hochklettern, rechts neben der Haustür, rot, süß duftend, für ihre Mutter vom Vater gepflanzt – schweigend und liebevoll.

Rennt auf dem ungepflasterten, leicht ansteigenden Weg hoch, die Chaussee überquerend, zu den Nachbarskindern, Zwillingen. Sie mochte Buggi lieber als Wernie.
Setzte sich selbstbewusst an den Küchentisch und ließ ihre Beine baumeln.
Auf dem Tisch steht schon ihr emaillierter Becher, den sie so gerne mag und den Oma Devot schweigend mit Kinderkaffee, einer Mischung aus viel Milch von der Kuh Emma und Gerstenkaffee, füllt.
Werni und Buggi grinsten sie an – es war ganz normal, dass sie mit am Tisch saß, sie gehörten zusammen.
Morgens wurde kaum gesprochen in der hellen Küche mit dem großen Holzkohleherd. Oma Jensch, dicklich, mit schwarzer, langer Schürze um den fülligen Bauch, das dünne, graue Haar aus dem immer glänzenden, leicht schwitzenden, blassen Gesicht, straff nach hinten zu einem Knoten gebunden.
Bereitet schon das Mittagessen für ihre Familie vor.

Teil 2: – 23. Oktober 1960

Der Tag vor dem Geburtstag ihrer Mutter und gleichzeitig der Hochzeitstag ihrer Eltern.
Sie durfte, obwohl es Sonntag war, und am nächsten Tag eigentlich Schule bei ihren Großeltern übernachten.
Abends vor dem Zubettgehen kniete sie, um den Tisch zu erreichen, auf der Ofenbank vor dem großen Kachelofen, der noch nicht beheizt war, und malte.
Am nächsten Morgen sollte früh aufgestanden werden für die Reise nach West-Berlin zur Tante.

Teil 3: Die Reise

Der Morgen des Reisetages. Ganz schnell sollte sich Rosa anziehen.
Sie wollte den Pullover nicht über dem grünen Strickkleid tragen.
Könnte abkühlen bis zur Rückfahrt, meinte Oma, und duldete kein weiteres Herumgehäule.
Die gerippte Strumpfhose fühlte sich leicht feucht an, die war von der Tante aus dem Westen.
Oma hatte sie wohl noch am Abend zuvor gewaschen, dachte Rosa, leise vor sich hin schluchzend, noch wegen des Pullovers.
Ihr kamelhaarfarbener Wintermantel, mit den weißen Knöpfen zweireihig, lag auf einem Stuhl bereit.
Ihr kleiner roter Kinderkoffer mit den weißen Punkten, in dem sie am abend vorher  ihre Puppe Susi und ihren Teddibär zum schlafen gebettet hatte stand geschlossen neben dem Stuhl.

Zurückblickend auf diesen Tag wurde Rosa eines klar: Mehr als das, was sie am Körper trug, durfte sie nicht mitnehmen. – Eine Republikflucht sollte nicht erkannt werden.
Oma stand mit dem Rücken zu ihr in ihrem langen, weißen Nachthemd mit Blümchen, ihre Schultern bebten.
Sie ahnte, Oma weinte, schweigend, lautlos.
Es blieb ihr keine Zeit, wegen der Tränen zu fragen.


Ein Auto hupte, ihre Eltern warteten schon vor dem Haus. Sie lief durch den langen Laubengang zur Straße.

Der Vater lächelte.
Hielt die Tür zur Rückbank auf – schweigend.
Sie kroch auf den Rücksitz. Mutter, gut gelaunt, drehte sich zu Rosa nach hinten um und wünschte ihr einen guten Morgen.
So dick bekleidet, mit dem Mantel über dem Kleid und dem Pullover, der feuchten Strumpfhose,  die kratzte, auch ihr Kleid, gestrickt von Oma, saß Rosa unbequem.

Sie fühlte sich allein und unwohl.

Oma stand neben dem Auto im Nachthemd, winkte, Tränen liefen über ihre Wangen.
Rosa war den Tränen nahe.
Ihr Magen und ihr Brustkorb drückten, als würde ihr Inneres versteinern.
Schweigen, bis der Vater losfuhr: „Nicht umschauen – schlechtes Omen“, hörte sie ihren Vater sagen. Rosa schluckte die aufkommenden Tränen zurück in ihren verkrampften Hals.
So begann die Flucht aus der DDR am 24. Oktober 1960.
Auch ihre Träume beginnen an diesem Tag. Sie sieht sich im Alter dieses Tages rufend den Laubengang zum Haus ihrer Großeltern laufen: „Ich bin wieder da!“

Als die Mauer am 9. November 1989 in Berlin fällt , darf Rosa zurück nach Hause – das kein Zuhause mehr war.

Cry Baby

hatte sich zurückgezogen, 3 Tage, 3 Nächte, mit Wein heulend über das Schöne und Traurige der Vergangenheit und die kürzlich Auflösung einer Illusion, mit der sie eine Person umhüllt hatte, der zerstörten Hoffnung auf eine Zeit in liebevoller Gemeinsamkeit und schönen Momenten, die messerscharfen Worte, die sie tief im Inneren getroffen, wie Speere aufgespießt hatten.

Als es keine Gedanken mehr gab, die noch nicht gedacht waren, keine Lösung in Sicht, beendete sie ihr Solitär, kühlte ihre Augen, setzte dunkle Brille auf – es regnet, sie läuft auf die Straße.

In Ihrem Kiz hatte sich nichts verändert – alle waren da wie jeden Tag und vor Ihrem Rückzug. Die Nachbarin mit ihren zwei kleinen, kläffenden Hunden, der Messie, der über ihr wohnt und sie immer leicht modrig riechend grüßt. Peter, der Rumäne, der Cry Baby Tochter nennt und sie ihn Vater.
Die Zigarettenstummel vor den Häusern, leere Flaschen, in den Hecken, Abfall vom Regen feucht, schlaff an den Ästen hängend. Heute störte es sie nicht, an anderen Tagen hätte sie hässliche Worte gemurmelt, sowas wie Asis – heute liebte sie die gesamte, sich stabil gehaltene Szenerie.

Durch das Fenster ihres Lieblingscafés sieht sie eine Bekannte, die ihr zulächelt und sie hereinwinkt. Wieder in ihrer Welt angekommen, fühlt sich sicher. Sie setzt sich, wird gefragt, wie es ihr geht. Trigger, da war er wieder – geht so. Habe 3 Tage wegen einer Person geheult. Ich bin so verletzt und die Verbindung ist auch zu Ende. Kann’s gar nicht glauben, dass mich das in meinem Alter so aus der Bahn geworfen hat – Shit, einfach Shit!
Gefühle sind stärker und schmerzlicher, je älter man wird, war die Antwort ihrer Bekannten. Cry Baby sieht, dass auch sie mit Tränen kämpfte. Schnell fragt sie und du: Wie geht es dir? Unter Tränen die Antwort: Mein Partner ist kürzlich verstorben.
Ganz abrupt in das Mitgefühl katapultiert, bereut sie, ihren jetzt banal erscheinenden 3-tägigen Rückzug erwähnt zu haben, und umarmt ihre Bekannte. Bedrückt und leise spricht sie ein von Herzen kommendes Beileid aus.
Ihr eigener Schmerz verblasst. Schließlich hat sie immer noch die Möglichkeit, mit ihrer Herzensperson zusammenzutreffen. Sie nimmt ihre Sonnenbrille ab und verabschiedet sich. 

Sommer Tage

Ein leichter Duft von Heu und Blüten begleitet zart den Regen und die Nacht – die Zeit bunt und grün umrandet hält ihren Atem an.
Jeder Schritt in Erwartung aromatisiert und leicht – der Winter, mit seinen dornigen Zweigen von einem Song in die Vergessenheit vertrieben, du bist da.

Gemälde © all rights reserved by Leonardo Voci

Der Stein

an sie, die mich sah, meine Schönheit, Weisheit, mit Zeichen aus vergangener Zeit

mich aufhob und in ihren Händen trug

an die, der ich meine wärmende Energie gab, richte ich meine Worte

du, die mich aus meinem natürlichen Zyklus entrissen hast

ich liege auf deiner Fensterbank und möchte dich verlassen

bringe mich zurück in den Regen, zum Wind, zu den Füßen, die auf mich treten werden

ich werde mich an dich erinnern, denn keine Begegnung ist verlorene Zeit.

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