bittersüß manchmal provokant

Kategorie: Lyras – Words (Seite 1 von 8)

 Themenzyklus >Begegnungen<

Was geblieben ist

Meine Gedanken tobten wie ein wildes Gewässer.

Fast trete ich auf eine weiße Orchideenblüte, die vor mir auf dem Weg lag, so als wäre sie dort erblüht.

Ich bette sie behutsam in die Wiese, um ihr ein würdiges Begräbnis zu geben.

Du fragst: „Hebst du alles Schöne auf“?

Heute kann ich mich an keinen meiner Gedanken erinnern, nur an eine schöne Blüte, die der Wind davontrug.

© by Lyra 10.7.2024

Amandou

Seit sie ihn zum ersten Mal im Park angelächelt hat und er kaum merklich und scheu zurücklächelte,
steht er morgens täglich vor dem Spiegel seiner 1-Zimmer-Wohnung.

Er schreit sein Spiegelbild an:

„Du bist hässlich, hässlich, du mit deinem dunkelbraunen Gesicht. Hässlich, du siehst aus wie eine Schildkröte, und so langsam bewegst du dich auch. Amadou, du Hässlicher. Warum hat man mir diesen Namen gegeben, mit der schönen Bedeutung – den man liebt?
Niemand liebt mich.“

Bisher wurde er vorher noch nie  beachtet, wenn er  bei seiner Tagestour langsam mit seinem Fahrrad quer durch die Stadt in Richtung Park gefahren ist, dabei  jeden Papierkorb, jede Hecke und jede Bodenfläche, mit seinen „Schildkrötenaugen“ – so nennt er seinen Blick –  nach leeren Pfandflaschen absucht.

Seine Tage fühlten sich heller an seit diesem Lächeln. Er hatte all seine Energie zusammengesammelt wie die Flaschen auf seinem Gepäckträger und sie angesprochen:

„Bonjour Madame – wie heißen Sie?“ 

Dabei spricht er ihre Sprache, doch für sie passt die Anrede Bonjour Madame.

„Hallo, ich bin Amanda. Und sie?“

„Amandou“, antwortet er lächelnd. Sein Gesicht fühlte sich auf einmal weich an. Ich habe kein Schildkrötengesicht mehr, denkt er.

„Wir sehen uns schon lange, Madam. Trinken wir einen Kaffee zusammen?“, fragt er Amanda mutig.

„Nein, danke, aber ich freue mich immer, wenn wir uns begegnen.“

Er spürt, wie seine Mimik sich verändert und wieder den Schildkrötenausdruck annimmt.

Langsam fährt er weiter – wie immer.

„Amanda, das passt doch zu Amandou.

Sie gehört mir, sie wird mich lieben, ich bin der, den man liebt.“

Schreit er am  nächsten Tag  vor seiner Flaschentour seinem Spiegelbild entgegen.

Er geht zur Küche, holt  eine große  Flasche Limonade aus dem Kühlschrank, gießt etwas von dem Inhalt  in den Ausguss und leert den Inhalt eines Fläschchens, das er von seinem letzten Besuch aus seiner Heimat mitgebracht hatte, in die Limonade.

Wenn wir uns wieder begegnen, werden wir im Park zusammen Limonade trinken, denkt er dabei.

Becher mit Rosendekor hat er schon in eine Plastiktüte gepackt.

Sie gehört mir, Amanda  wird mich lieben.

Der Radezki-Park ist ein beliebter Ort bei Joggern. Auch Wolfram dreht dort täglich seine Runden. Heute bleibt er atemlos stehen, trippelt von einem Fuß auf den anderen, damit sein Blutdruck sich langsam anpasst. Er beugt sich kopfüber, lässt seine Arme baumeln, bis seine Fingerspitzen fast die Zehen berühren. Als er sich wieder aufrichtet, sieht er auf der Bank direkt neben dem Weg, eine Frau, zusammengesunken, mehr hängend als sitzend.

Er läuft auf die Parkbank zu:

„Geht es Ihnen nicht gut? Hören Sie mich?“

Als er Ihre Schulter berührt, fällt der Körper in sich zusammen. Aus ihrem Mund läuft weißer Schaum.

Wolfram checkt ihre Halsschlagader nach Lebenszeichen.

Hastig holt er sein Handy aus der Gesäßtasche seiner Hose, wählt die Nummer des Rettungsdiensts: 

 „Leblose Frau im Radetzki-Park in Höhe der Schule – ich bin Oberkommissar Wolfram und warte auf Sie.“

Danach  ruft er mit veränderten Angaben seine Einheit der Kripo an:

„Frauenleiche im Radetzki-Park in Höhe der Schule – ich bleibe vor Ort.“

Während er wartet, schaut er sich mit geschulten Augen die Umgebung an.

Vor der Bank  liegt eine offene Limonadenflasche, deren Inhalt sich auf den Weg ergossen hatte. Eine tote Krähe mit offenem Schnabel liegt in der Lache Flüssigkeit.

Von ihm unbemerkt hatte sich ein Fahrradfahrer genähert, der sich zu der Plastikflasche hinunterbeugte, um diese aufzuheben.

„Stopp – lassen Sie alles so, wie es ist! Das ist möglicherweise der Ort eines Verbrechens.“

Das kratzende Geräusch der Fahrradkette entfernt sich langsam.

Nach einer Viertelstunde trifft der Notarzt  gleichzeitig mit den Kollegen seiner Einheit des Kriminaldauerdienst der(KDD) und derRechtsmediziner ein.

Oberkommissar Wolfram öffnet den Rucksack der Toten, um ihre Identität herauszufinden.

Kein Handy, kein Adressbuch,  jedoch einen Taschenkalender.

Mai: Interessiert liest er den Eintrag:

Seit Monaten begegnet mir ein sehr attraktiver Flaschensammler immer wieder.

Er sieht sehr gepflegt aus, unüblich für jemanden, der Flaschen sammelt. Wir haben ein paar Mal kurz miteinander gesprochen. Ganz langsam fährt er durch den Park, manchmal neben mir.

Amandou, der Mann mit den wunderschönen Händen, die locker den Fahrradlenker umfassen.

Amanda und Amadou – das klingt so stimmig. Sollte er mich noch einmal fragen, etwas mit ihm zu trinken, werde ich Ja sagen. Nein, ich werde ihn fragen.

Wolfram steckt den Taschenkalender zurück in den Rucksack.

„Ich hab was, Jungs, es gibt Arbeit“, ruft er seinen Kollegen zu.

>Do you Love me < by Nick Cave and the bad seeds.

  © by Lyra 12.12.2025 

Illusion

© by Lyra Nov. 2025

Inspiration: „Nebel“ – Hermann Hesse

Begehren

„Weißt du, dass Mona in der Psychiatrie ist?“

Wie das Aufprallen einer Münze, die auf harten Boden fällt und weiter rollt, landet Laras Stimme in meinem Fantasiezustand.

„Nee“, antworte ich hastig, damit ich nicht wieder abdrifte und an das Gesicht denke, das mich so körperlich elektrisiert und alle Formen von Begierde in mir auslöst. Ich kann mir nicht erklären, was da in mir geschieht.

Man begehrt, was man sieht – habe ich mal gelesen. Ich nehme mir vor, Eric aus Schweden nicht mehr auf Social Media zu folgen. Wir folgen uns gegenseitig und schreiben uns.

Wahrscheinlich habe ich ein Mangelerleben, das ich noch nicht erkannt habe. Ich werde darüber nachdenken – kontemplieren. Und sollte jemand einen Fluch auf mich gelegt haben oder ich unter einem Bann stehen, dem ich mich kaum entziehen kann, werde ich ein Fluch- und Bannverdammungsritual durchführen. Davon habe ich auf YouTube gehört.

„Lara, erzähl, warum ist Mona in der Psychiatrie? Sie wirkte auf mich total bodenständig und nett.“

„Ich habe gehört“, erwidert Lara, ihr Freund – also, ohne Plus –, mit dem sie als WG zusammenlebte, hat monatelang versucht, Mona wieder in die reale Welt zu holen.

Sie hatte sich wohl virtuell total in einen Typen aus den USA im Netz verknallt. Saß nur noch am PC, im Schlafanzug, ungewaschen, mit Wein und Schokolade neben sich – um seine Posts zu liken.

Nachts stand sie wegen der Zeitverschiebung auf und freute sich, dass er anscheinend immer online war, wenn sie ihren Account checkte. Sie wertete das als Interesse an ihr. Dass er vielleicht einfach nie seinen PC oder Notebook ausschaltete, wollte sie nicht glauben.

Sie buchte einen Flug in die USA, um bei seiner Lesung in einer kleinen Buchhandlung in Gonzales, Texas, dabei zu sein.

„Anscheinend ist sie dort völlig ausgerastet, als sie in seiner Story <Possessed> von einer Person hörte, die ihn auf Facebook und Instagram folgte und ihm sogar geschrieben hatte, dass sie zu seiner Lesung komme.

Mona rannte zum Lesepult, warf seine Bücher nach ihm und riss einzelne Seiten aus dem Exemplar, das er gerade las.

Es dauerte anscheinend eine Weile, so berichteten es die anderen Zuhörer, bis die schockierte Inhaberin der Buchhandlung die Cops rief, die Mona schließlich abführten.

Ihre Eltern wurden informiert, sie abzuholen – unter der Auflage, dass Mona sich in psychologische Betreuung begibt und einen Nachweis darüber erbringt. Nur so konnten sie verhindern, dass sie in den USA hospitalisiert wird – und die Kosten dafür von ihr oder ihren Eltern getragen werden müssen.

„Mehr weiß ich auch nicht.

Mir ist total übel. Was, wenn mir Ähnliches wegen Eric passiert?

Ich verabschiede mich hastig von Lara.

„Meld dich, Ciao – bis zum nächsten Mal!“, ruft sie mir nach.

Ich renne nach Hause, schalte mein Notebook ein und lösche alle meine Accounts.

Mit dem letzten Funken Verstand halte ich mich gerade noch davon ab, mein Notebook an der Tischplatte zu zertrümmern.

Hektisch suche ich nach den Unterlagen über das Fluch- und Bannauflösungsritual, die ich ausgedruckt hatte.

Zeichnung by Gabriele Fischer, Augsburg “ You see“, Mitglied im Berufsverband Bildener Künstlerinnen- Schwaben. (I see, „You see“, jetzt bei mir zu Hause)

Zerstört

© by Lyra14.4.2024

Encounter

They met like two doves in the rain, seeking shelter on a ledge with their heads tucked in.
A soft crackling sound, they no longer feel each other’s touch,
and each flies off in a different direction.
An encounter without a hint of regret.

© by Lyra – June 2025

Based on my short poem > Encounter>
Helmuth Treichel (producer, label owner, singer, songwriter from Augsburg—former singer for GIFT, founder of Atomic Picnic Project)
expanded the lyrics and created his song.

© by Helmuth Treichel – August 2025

Begegnung

© by Lyra Juni 2025

Inspiration: „When doves cry“ by Prince und Celeste

„Strange“ by Celeste

Isn’t it strange
How people can change
From strangers to friends
Friends into lovers
And strangers again?

Transformation

Fröhlich sitzen Anastasia und Jenny in einer kleinen Bar, schlürfen Sekt, flirten ausgelassen mit dem Barkeeper und freuen sich schon auf den Besuch im Schönheitssalon für eine Botox- und Hyaluron-Behandlung zur Optimierung ihres Aussehens.

Später, auf dem Weg dorthin, bemerken sie ein seltsames, noch nie gesehenes kleines Wesen, das an einem Backsteinzaun eines Hauses mit zusammen gerolltem Körper, klebt, als ob es sich verstecken wollte.

Beide beugen sich nahe zur Kreatur herunter, um sie näher zu betrachten.

Weiß, fast schon durchsichtig, fisch-aussehend. „Ein seltener Fisch“, ruft Anastasia aufgeregt, „er bewegt sich.“

„Jenny, hole aus der Bar ein Glas Wasser, beeile dich, ich bleibe hier.“

Anastasia kramt ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und wickelt es sich um eine Hand.
Mitleidig und leicht angewidert greift sie mit der Taschentuch umwickelten Hand nach dem Fischwesen, damit sie es ins Wasser setzen kann, sobald Jenny zurückkehrt.
Flink, jetzt mit zwei dünnen, kurzen Beinchen, die vorher nicht zu sehen waren, weicht das Wesen ihrer Hand aus und krabbelt an der Backsteinmauer hoch. Es dreht seinen Kopf zu ihr und schaut mit schwarzen Augen, die wie Stecknadeln auf die blasse, durchscheinende Haut gesteckt wurden, in ihre Richtung

Sie greift erneut nach ihm, das Wesen lässt sich in ihre offene Hand fallen.
Mit der freien Hand umschließt sie dessen Körper schützend und wartet auf das Glas Wasser, um es zu retten.
Nach allem, was sie bisher gesehen hatte, wundert es sie nicht, dass dieses Wesen zwei Beine hat.

Endlich kommt Jenny angerannt.
Anastasia öffnet ihre Hände und traut ihren Augen nicht. Ein hübscher, winziger Vogel, mit weißen Federn, an den Flügeln bräunlich, steht wackelig auf ihrer Hand.
Er schüttelt sein Gefieder, streckt seine dünnen Stelzenbeine, breitet seine Flügel aus und fliegt davon.

Fassungslos folgen die Freundinnen seinem Flug zu einem Baum. Von einem Ast aus blickte er in ihre Richtung.

Verstört schauen sich beide an. Wortlos laufen sie in Richtung Schönheitssalon.

Mein Buch- Feuerlöscher

« Ältere Beiträge

© 2026 Lyras Words

Theme von Anders NorénHoch ↑