bittersüß manchmal provokant

Kategorie: Lyras – Shorts (Seite 1 von 4)

Amandou

Seit sie ihn zum ersten Mal im Park angelächelt hat und er kaum merklich und scheu zurücklächelte,
steht er morgens täglich vor dem Spiegel seiner 1-Zimmer-Wohnung.

Er schreit sein Spiegelbild an:

„Du bist hässlich, hässlich, du mit deinem dunkelbraunen Gesicht. Hässlich, du siehst aus wie eine Schildkröte, und so langsam bewegst du dich auch. Amadou, du Hässlicher. Warum hat man mir diesen Namen gegeben, mit der schönen Bedeutung – den man liebt?
Niemand liebt mich.“

Bisher wurde er vorher noch nie  beachtet, wenn er  bei seiner Tagestour langsam mit seinem Fahrrad quer durch die Stadt in Richtung Park gefahren ist, dabei  jeden Papierkorb, jede Hecke und jede Bodenfläche, mit seinen „Schildkrötenaugen“ – so nennt er seinen Blick –  nach leeren Pfandflaschen absucht.

Seine Tage fühlten sich heller an seit diesem Lächeln. Er hatte all seine Energie zusammengesammelt wie die Flaschen auf seinem Gepäckträger und sie angesprochen:

„Bonjour Madame – wie heißen Sie?“ 

Dabei spricht er ihre Sprache, doch für sie passt die Anrede Bonjour Madame.

„Hallo, ich bin Amanda. Und sie?“

„Amandou“, antwortet er lächelnd. Sein Gesicht fühlte sich auf einmal weich an. Ich habe kein Schildkrötengesicht mehr, denkt er.

„Wir sehen uns schon lange, Madam. Trinken wir einen Kaffee zusammen?“, fragt er Amanda mutig.

„Nein, danke, aber ich freue mich immer, wenn wir uns begegnen.“

Er spürt, wie seine Mimik sich verändert und wieder den Schildkrötenausdruck annimmt.

Langsam fährt er weiter – wie immer.

„Amanda, das passt doch zu Amandou.

Sie gehört mir, sie wird mich lieben, ich bin der, den man liebt.“

Schreit er am  nächsten Tag  vor seiner Flaschentour seinem Spiegelbild entgegen.

Er geht zur Küche, holt  eine große  Flasche Limonade aus dem Kühlschrank, gießt etwas von dem Inhalt  in den Ausguss und leert den Inhalt eines Fläschchens, das er von seinem letzten Besuch aus seiner Heimat mitgebracht hatte, in die Limonade.

Wenn wir uns wieder begegnen, werden wir im Park zusammen Limonade trinken, denkt er dabei.

Becher mit Rosendekor hat er schon in eine Plastiktüte gepackt.

Sie gehört mir, Amanda  wird mich lieben.

Der Radezki-Park ist ein beliebter Ort bei Joggern. Auch Wolfram dreht dort täglich seine Runden. Heute bleibt er atemlos stehen, trippelt von einem Fuß auf den anderen, damit sein Blutdruck sich langsam anpasst. Er beugt sich kopfüber, lässt seine Arme baumeln, bis seine Fingerspitzen fast die Zehen berühren. Als er sich wieder aufrichtet, sieht er auf der Bank direkt neben dem Weg, eine Frau, zusammengesunken, mehr hängend als sitzend.

Er läuft auf die Parkbank zu:

„Geht es Ihnen nicht gut? Hören Sie mich?“

Als er Ihre Schulter berührt, fällt der Körper in sich zusammen. Aus ihrem Mund läuft weißer Schaum.

Wolfram checkt ihre Halsschlagader nach Lebenszeichen.

Hastig holt er sein Handy aus der Gesäßtasche seiner Hose, wählt die Nummer des Rettungsdiensts: 

 „Leblose Frau im Radetzki-Park in Höhe der Schule – ich bin Oberkommissar Wolfram und warte auf Sie.“

Danach  ruft er mit veränderten Angaben seine Einheit der Kripo an:

„Frauenleiche im Radetzki-Park in Höhe der Schule – ich bleibe vor Ort.“

Während er wartet, schaut er sich mit geschulten Augen die Umgebung an.

Vor der Bank  liegt eine offene Limonadenflasche, deren Inhalt sich auf den Weg ergossen hatte. Eine tote Krähe mit offenem Schnabel liegt in der Lache Flüssigkeit.

Von ihm unbemerkt hatte sich ein Fahrradfahrer genähert, der sich zu der Plastikflasche hinunterbeugte, um diese aufzuheben.

„Stopp – lassen Sie alles so, wie es ist! Das ist möglicherweise der Ort eines Verbrechens.“

Das kratzende Geräusch der Fahrradkette entfernt sich langsam.

Nach einer Viertelstunde trifft der Notarzt  gleichzeitig mit den Kollegen seiner Einheit des Kriminaldauerdienst der(KDD) und derRechtsmediziner ein.

Oberkommissar Wolfram öffnet den Rucksack der Toten, um ihre Identität herauszufinden.

Kein Handy, kein Adressbuch,  jedoch einen Taschenkalender.

Mai: Interessiert liest er den Eintrag:

Seit Monaten begegnet mir ein sehr attraktiver Flaschensammler immer wieder.

Er sieht sehr gepflegt aus, unüblich für jemanden, der Flaschen sammelt. Wir haben ein paar Mal kurz miteinander gesprochen. Ganz langsam fährt er durch den Park, manchmal neben mir.

Amandou, der Mann mit den wunderschönen Händen, die locker den Fahrradlenker umfassen.

Amanda und Amadou – das klingt so stimmig. Sollte er mich noch einmal fragen, etwas mit ihm zu trinken, werde ich Ja sagen. Nein, ich werde ihn fragen.

Wolfram steckt den Taschenkalender zurück in den Rucksack.

„Ich hab was, Jungs, es gibt Arbeit“, ruft er seinen Kollegen zu.

>Do you Love me < by Nick Cave and the bad seeds.

  © by Lyra 12.12.2025 

Illusion

© by Lyra Nov. 2025

Inspiration: „Nebel“ – Hermann Hesse

Begehren

„Weißt du, dass Mona in der Psychiatrie ist?“

Wie das Aufprallen einer Münze, die auf harten Boden fällt und weiter rollt, landet Laras Stimme in meinem Fantasiezustand.

„Nee“, antworte ich hastig, damit ich nicht wieder abdrifte und an das Gesicht denke, das mich so körperlich elektrisiert und alle Formen von Begierde in mir auslöst. Ich kann mir nicht erklären, was da in mir geschieht.

Man begehrt, was man sieht – habe ich mal gelesen. Ich nehme mir vor, Eric aus Schweden nicht mehr auf Social Media zu folgen. Wir folgen uns gegenseitig und schreiben uns.

Wahrscheinlich habe ich ein Mangelerleben, das ich noch nicht erkannt habe. Ich werde darüber nachdenken – kontemplieren. Und sollte jemand einen Fluch auf mich gelegt haben oder ich unter einem Bann stehen, dem ich mich kaum entziehen kann, werde ich ein Fluch- und Bannverdammungsritual durchführen. Davon habe ich auf YouTube gehört.

„Lara, erzähl, warum ist Mona in der Psychiatrie? Sie wirkte auf mich total bodenständig und nett.“

„Ich habe gehört“, erwidert Lara, ihr Freund – also, ohne Plus –, mit dem sie als WG zusammenlebte, hat monatelang versucht, Mona wieder in die reale Welt zu holen.

Sie hatte sich wohl virtuell total in einen Typen aus den USA im Netz verknallt. Saß nur noch am PC, im Schlafanzug, ungewaschen, mit Wein und Schokolade neben sich – um seine Posts zu liken.

Nachts stand sie wegen der Zeitverschiebung auf und freute sich, dass er anscheinend immer online war, wenn sie ihren Account checkte. Sie wertete das als Interesse an ihr. Dass er vielleicht einfach nie seinen PC oder Notebook ausschaltete, wollte sie nicht glauben.

Sie buchte einen Flug in die USA, um bei seiner Lesung in einer kleinen Buchhandlung in Gonzales, Texas, dabei zu sein.

„Anscheinend ist sie dort völlig ausgerastet, als sie in seiner Story <Possessed> von einer Person hörte, die ihn auf Facebook und Instagram folgte und ihm sogar geschrieben hatte, dass sie zu seiner Lesung komme.

Mona rannte zum Lesepult, warf seine Bücher nach ihm und riss einzelne Seiten aus dem Exemplar, das er gerade las.

Es dauerte anscheinend eine Weile, so berichteten es die anderen Zuhörer, bis die schockierte Inhaberin der Buchhandlung die Cops rief, die Mona schließlich abführten.

Ihre Eltern wurden informiert, sie abzuholen – unter der Auflage, dass Mona sich in psychologische Betreuung begibt und einen Nachweis darüber erbringt. Nur so konnten sie verhindern, dass sie in den USA hospitalisiert wird – und die Kosten dafür von ihr oder ihren Eltern getragen werden müssen.

„Mehr weiß ich auch nicht.

Mir ist total übel. Was, wenn mir Ähnliches wegen Eric passiert?

Ich verabschiede mich hastig von Lara.

„Meld dich, Ciao – bis zum nächsten Mal!“, ruft sie mir nach.

Ich renne nach Hause, schalte mein Notebook ein und lösche alle meine Accounts.

Mit dem letzten Funken Verstand halte ich mich gerade noch davon ab, mein Notebook an der Tischplatte zu zertrümmern.

Hektisch suche ich nach den Unterlagen über das Fluch- und Bannauflösungsritual, die ich ausgedruckt hatte.

Zeichnung by Gabriele Fischer, Augsburg “ You see“, Mitglied im Berufsverband Bildener Künstlerinnen- Schwaben. (I see, „You see“, jetzt bei mir zu Hause)

Zerstört

© by Lyra14.4.2024

Encounter

They met like two doves in the rain, seeking shelter on a ledge with their heads tucked in.
A soft crackling sound, they no longer feel each other’s touch,
and each flies off in a different direction.
An encounter without a hint of regret.

© by Lyra – June 2025

Based on my short poem > Encounter>
Helmuth Treichel (producer, label owner, singer, songwriter from Augsburg—former singer for GIFT, founder of Atomic Picnic Project)
expanded the lyrics and created his song.

© by Helmuth Treichel – August 2025

Sonntagnachmittag

© by Lyra 03.04.2025

Monster Walk

© by Lyra

Alte Synagoge

Durch Fenster, Blicke zum Garten hin

da wachsen üppig die Blumen im Sonnenschein.

Bäume, alt und grün, erinnern sich

RUF

Wenn die braun gefiederte Greifvogelschar über das Land fliegt

ihre zum Haken gekreuzten Schnäbel öffnen und krächzen. Nahrung für ihre eigene Brut suchen.

Stehen Starke und Mutige auf, bereit, Freiheit und Gleichheit zu verteidigen.

Unser Horizont soll sich nicht braun färben.

© all rights reserved by Lyra 2023

Noch mehr Regen

Bei Regen wollte ich Brot kaufen

Blues hält mich in mir fest

wenn ich wieder durch´s Fenster nach draußen in die Sonne sehen kann

kauf ich mir den Soundtrack aus Love Song for Bobby Long

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